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Geschichte des Münsters Sankt Vitus

Erste gesicherte Kenntnisse über eine Besiedlung des Abteiberges gibt uns ein Bericht aus dem späten 11. Jahrhundert, der wohl im Scriptorium des Gladbacher Klosters entstanden ist. Diese reich ausgeschmückte Erzählung erwähnt einen "gewissen Balderich, Vornehmen des Reiches", der bereits lange vor Gründung der Abtei auf dem Hügel eine Kirche erbaut habe, die bei einem Einfall der Ungarn im Jahre 954 zerstört worden sei. Grabungen im Bereich der Münsterkirche durch Prof. Dr. Hugo Borger haben eine weilerartige Besiedlung in spätkarolingischer Zeit bestätigt. Der Fund mehrerer heidnischer Matronensteine deutet die Möglichkeit römischer Vorläufer an. Vermutungen zufolge hat die erste Kirche auf der Spitze des Hügels an der Stelle der heutigen Pfarrkirche gestanden, obschon dann die Gründung des Klosters weiter unterhalb, also nicht an dem schon ausgezeichneten Ort und nur durch erhebliche Erdbewegungen ermöglicht, merkwürdig erscheint. Die Legende der Gründungsgeschichte gibt uns freilich eine Erklärung: Als nämlich der Kölner Erzbischof Gero und in seiner Begleitung der Trierer Mönch Sandrad auf der Suche nach einem geeigneten Ort für die beabsichtigte Klostergründung zu den Ruinen auf dem Abteiberg kamen, dem "unbewirtschafteten Berg, den dichter, schattiger Wald überzog", hörten sie tief im Innern des Berges eine Glocke; sie folgten dem Klang und fanden, in einem hohlen Stein verborgen, die Reliquien der Heiligen Vitus, Cornelius, Cyprianus, Crysantus und Barbara aus der zerstörten Balderichskirche. Damit war der Ort der Klostergründung durch ein göttliches Zeichen gewiesen.

Eine prosaischere Erklärung liefern der gute Ausblick von dem künstlichen Plateau und andere mehr fortifikatorische Gesichtspunkte. So wird denn die Wahl des Gründungsortes ebensowenig zufällig gewesen sein wie das Patrozinium der Kirche (St. Vitus war der Stammespatron des Sachsen Gero und Patron des ottonischen Königshauses) und die Entscheidung für Sandrad als ersten Klostervorsteher: Zum einen wollte Gero seinen hier gelegenen erzbischöflichen Grundbesitz aus der Herrschaft des Bischofs von Lüttich herauslesen und mit der Bildung des "Vorpostens" einer Ausdehnung von dessen kirchlichem Einflußbereich vorbeugen. Darüber hinaus standen die Klostergründung und die Wahl des Abtes in engem Zusammenhang mit den politischen und religiösen Reformen unter den ottonischen Kaisern in Deutschland. Eine Generation vorher hatte der Bruder Kaiser Ottos des Großen, Erzbischof Bruno von Köln, den für das frühe Mittelalter charakteristischen weltlichen Einfluß des Klerus mit der Übertragung wichtiger politischer Funktionen auf kirchliche Amtsträger begründet. Die zahlreichen Klostergründungen dieser Zeit sind daher nicht zuletzt als Manifestation weltlichen Herrschafts- und Einflußanspruchs auf die Bevölkerung anzusehen, wie sie auch als feste Trutzburgen den Bauern der Nachbarschaft Schutz und Zuflucht vor feindlichen Überfällen gewährten. Gefördert wurde diese Entwicklung durch die Gorzer Reform, eine klösterliche Erneuerungsbewegung, die das Ziel hatte, die einzelnen Klöster stärker in die bischöfliche Oberaufsicht einzubinden. Diese Reform hatte ihren wichtigsten Stützpunkt in St. Maximin in Trier, dem Heimatkloster Sandrads, und in diesem einen ihrer herausragendsten Vorkämpfer. Sie setzte sich in weiten Teilen Deutschlands durch und bestimmte bis ins 12. Jh. die Art und Weise des Klosterlebens.

Neben der schon bei der Gründung absehbaren Kontroverse zwischen dem Kölner Erzbistum und dem Bischof von Lüttich, die schon bald zu einer zeitweisen Aufgabe des Klosters und in der Folge zum Gebietstausch Gladbach-Venlo führte, wird die Geschichte des Klosters von ständigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt, die oftmals zum Verkauf großer Güter und mehrfach zum Zusammenschluß mit anderen Stiften und Pfarreien zwangen. Um so mehr muß die kulturelle Leistung des Klosters bewundert werden, deren Glanz sich besonders in einer über die Grenzen hinaus bekannten Bibliothek niederschlug. Grundlage dafür war nicht zuletzt die wiederholte Rückbesinnung auf die klösterlichen Ideale, wie sie beispielsweise in der Siegburger Reform des 12. Jh. oder der Bursfelder Reform, der sich das Kloster im Jahre 1511 anschloß, ihren Ausdruck fand. Letztere verbesserte durch die Aufhebung der Trennung zwischen Abts- und Konventsgut sowie durch die Aufgabe der adeligen Standesgebundenheit der Mönche die wirtschaftlichen Verhältnisse des Klosters nachhaltig. Im Zuge der Säkularisation wurden mit der Auflösung des Klosters (1802) die Bibliothek und die übrigen Kunstschätze in alle Winde zerstreut. (Ein Teil der Bücher befindet sich heute u. a. in der Kölner Universitätsbibliothek.)

Das Münster in seiner heutigen Gestalt

Innenraum:

Durch das mächtige Portal des Westwerks tritt der Besucher in eine schmucklose quadratische Vorhalle, die sich in einem weiten Bogen zum Langschiff hin öffnet. Die Restaurierung des 19. Jh. hat durch die Tieferzonung des Kreuzgratgewölbes dem Raum eine übermäßige Gedrungenheit verliehen. Aber dennoch wirkt die fensterlose Vorhalle nach wie vor als Ort der kontemplativen Einstimmung auf die herbe Erhabenheit des Kirchenraumes. Das Halbdunkel, das den Eintretenden empfängt, steht in einem wirkungsvollen Kontrast zur Lichtfülle des gotischen Chores, der durch die weite Öffnung den Blick auf sich zieht. Über der Vorhalle befindet sich die Abtskapelle. Sie nahm in früheren Zeiten den Sitz des Klostervorstehers bei den Gottesdiensten auf, der zu ihr einen direkten Zugang von seinen Privaträumen aus hatte. Auf die Abtskapelle konzentriert sich der architektonische Aufwand des Westwerks: Über einem quadratischen Grundriß erhebt sich ein reichgeschmückter Raum, der von einem mächtigen Kreuzgratgewölbe mit aufgesetzter Kuppel überspannt wird und sich in einem über 5 m breiten und ca. 10 m hohen Bogen in das Langschiff öffnet. Der Wandaufbau ist zweigeschossig: Über vorgeblendeten Arkaden, die die Wände in vier Felder teilen und von einem durchlaufenden Sims abgeschlossen werden, speisen zwei große mittelalterliche Lilienfenster in den Seitenwänden und zwei Vierpaßfenster des 19. Jh. in der Westwand den Raum mit großzügiger Lichtfülle. Leider hat auch hier die tiefer gezogene Decke der Eingangshalle die Proportionen zerstört, da seither die Blendarkaden auf einem viel zu hohen Sockel stehen und so quasi "in der Luft hängen" (Borger). Im ursprünglichen Zustand durchdrangen sich Innen- und Außengliederung: Die Deckenhöhe der Eingangshalle entsprach dem äußeren Abschluß des Untergeschosses, das Gesims des darüberliegenden Geschosses nahm auf die Scheitelhöhe des Gewölbes Bezug. Die Abtskapelle besticht durch ihre überaus glückliche Raumwirkung. Man darf sie zu den gelungensten Beispielen vergleichbarer Raumtypen im Rheinland zählen. Baugeschichtlich schließt sie an das Westwerk von St. Nikolaus in Brauweiler an. Sie kopiert jedoch nicht, sondern faßt die gesamte Entwicklung dieses Bautypus in einer "letzten Reduktion" (Borger) zusammen. Das einige Jahrzehnte später nach neuen Plänen gestaltete dreischiffige Langhaus folgt dem Westwerk in der Breite des Mittelschiffes. Es stößt ebenso wie das ursprünglich geplante im Osten genau auf den alten Chor, dessen Reste in der Krypta erhalten blieben. Von der massigen Schwere des Westwerkes hebt sich das Langhaus durch seinen weiten, lichten Raumeindruck wirkungsvoll ab. Das Mittelschiff besteht, bedingt durch die vorgegebenen Eckpunkte, aus drei leicht querrechteckigen Jochen, die von vierteiligen Kreuzrippengewölben überspannt werden. Diese Gewölbe sind war erst später hinzugefügt worden, jedoch waren ähnliche, geringfügig tiefer liegende, wie am Baubestand nachgewiesen wurde, bereits in den ursprünglichen Plänen enthalten. Eine Besonderheit ist die hier erstmalig zu beobachtende Verknüpfung von Triforium und Obergaden zu einer Einheit: Durch die Herabführung der Fensterrahmung in die Säulen des mittleren Triforienbogens entsteht ein Wandfeld, dessen Ausmaß in etwa dem der darunterliegenden Arkadenzone entspricht. Die Triforien selbst sind in ihrer Anordnung - ein mittlerer Rundbogen, frankiert von zwei schmaleren und höheren Spitzbögen - von denen in Heisterbach und Gerresheim ableitbar. Mit ihnen haben sie das Fehlen eines durchgehenden Laufganges gemeinsam. Sie unterscheiden sich jedoch durch ihre isolierte Stellung in der Langschiffwand, abgelöst von den durchlaufenden Gewölbepfeilern, wodurch sie auf St. Quirin in Neuss als Vorbild verweisen. Das eigentlich Verbindende aller dieser Beispiele ist die Verwendung des Triforiums mehr als Schmuck- denn als Nutzelement der Wandgliederung, die für die rheinische Baukunst dieser Zeit typisch ist. Der Aufbau der S e i t e n s c h i f f e wird im wesentlichen durch die Anwendung des gebundenen Systems bestimmt, d. h. durch die Halbierung der Gewölbefelder im Verhältnis zum Hauptschiff und die dadurch bedingte halbe Breite der Schiffe. Das erklärt auch, warum sie nördlich und südlich etwas über die Nebentürme des Westwerkes hinausreichen. Die Seitenschiffe sind ebenfalls mit Kreuzrippengewölben gedeckt, die zwar älter als die des Mittelschiffes, aber bis auf wenige Ausnahmen auch erst nachträglich eingezogen worden sind. Die bis auf die Gewölbedienste ungegliederten Wände werden von Fächerfenstern (Nordseite) bzw. von einfachen Rundbogenfenstern (Südseite) belichtet. Zwischen den westlichen Treppentürmen und den Seitenschiffen, die ursprünglich an der Ostwand des Hauptturmes endeten, befanden sich im Mittelalter im Süden ein kleiner Anbau und im Norden der Verbindungstrakt zur Prälatur. In Höhe des mittleren Hauptschiffjoches ist das südliche Seitenschiff um ein Joch nach Süden zu einer kleinen Kapelle erweitert, die das Patrozinium der hll. Zwölf Apostel trägt. (Ihr entsprach vor der Anlage des Kreuzganges im Norden eine Kapelle, die der hl. Maria Magdalena geweiht war.) Sie ist in einem Zug mit den Seitenschiffen errichtet, auf die sie in Wand- und Gewölbeaufbau Bezug nimmt. Zusammen mit zwei anschließenden Jochen des südlichen Seitenschiffes ist sie allein sofort eingewölbt worden. Erhellt wird sie von großen Rundbogenfenstern, die im 19. Jh. an die Stelle vorheriger spätgotischer Maßwerkfenster gesetzt wurden. Über die ursprünglichen Fenster fehlt uns dagegen jeder Anhaltspunkt. Von den beiden östlichsten Jochen der Seitenschiffe aus führen zwei schmale Treppen in die Krypta, den ältesten Teil des Münsters, hinunter. Sie ist eine dreischiffige Hallenkrypta mit quadratisch ausgebildeten Querarmen im Osten. Der niedrige Raum wird über vier Joche von gurtbogenverstärkten Kreuzgratgewölben überspannt, die auf einheitlich gestalteten Würfelkapitellen über mannshohen, sich nach oben stark verjüngenden Säulen ruhen. Den Säulen entsprechen an den Wänden basenlose Pilaster. Das westlichste Joch ist zur Betonung der ursprünglich in der Nord- und Südwand gelegenen Eingänge mit einer Halbtonne gedeckt. Im Osten wird die Krypta von einer mittleren rechteckigen Nische, frankiert von zwei halbrunden Apsiden, geschlossen. Die Querarme sind entsprechend der Langhausgliederung mit vier Kreuzgratgewölben über einer Mittelsäule gedeckt. Vom Mittelraum werden sie durch starke Pilaster getrennt. Sieben Fenster in Nord- und Südwand der Querarme sowie in der Ostwand des Hauptraumes sorgen für eine großzügige Belichtung. Die Krypta ist ein schmuckloser, aber nichtsdestoweniger in der Abgeklärtheit der Proportionen und der Leichtigkeit und Durchsichtigkeit des Baukörpers beeindruckender Raum. Baugeschichtlich steht sie am Ende des Typus der niederrheinischen Hallenkrypta, deren Summe sie zieht. Einen direkten Vorläufer hat sie in der Krypta von St. Andreas in Köln, von der sie sich jedoch durch die am ganzen Niederrhein singulären querrechteckigen Würfelkapitelle der Säulen unterscheidet. Sie weisen auf eine Kenntnis elsässischer Krypten hin. Der beeindruckendste Teil des Münsters ist zweifellos der gotische C h o r, als dessen Schöpfer der erste Kölner Dombaumeister nachgewiesen wurde. Ein Kunstwerk für sich, reiht er sich dennoch einfühlsam in die vorgefundene bauliche Situation ein, indem er in seinen Ausmaßen genau auf Langhaus und Krypta Bezug nimmt und die Ausgestaltung behutsam auf die Vermittlung zum romanischen Baukörper hin abstimmt. Er führt den Langchorgedanken der zweiten Klosterkirche fort, der ursprünglich durch die Dreikonchenanlage abgelöst werden sollte. Zwei schmale querrechteckige Joche leiten mit Hilfe eines weiteren halben Joches, das schon leicht nach innen geneigt ist, in ein fünfseitig geschlossenes Zwölfeck über. Der einfache "klassische" Aufbau orientiert sich in Gewölbeausführung und Fenstermaßwerk an der kurz zuvor in Köln fertiggestellten Kirche der Minoritenbruderschaft. Mehr als hier ist in Gladbach ein Raum entstanden, der - unabhängig von der gleichzeitig in Köln entstehenden monumentalen Kathedrale, jedoch nicht weniger meisterlich - die französische Baukunst zu einem Höhepunkt in Deutschland führt. Er erinnert in seiner intimen Raumwirkung und Lichtfülle wie in seiner vollendeten Bauplastik und Fenstergestaltung an dortige Meisterwerke wie die Ste. Chapelle in Paris. In früheren Jahrhunderten war die Atmosphäre dieses Raumes durch den 1683 abgebrochenen Lettner, der den Chor gegen das Langhaus abschloß, noch wesentlich gesteigert. Die meisterliche Handschrift des Hauptchores tragen auch die Nebenchöre und die Sakristei. Während der südliche Nebenchor, der bereits einige Jahre vor dem Hauptchor dem hl. Stephan geweiht wurde, die Flucht der Seitenschiffe aufnimmt und nur über ein Joch dem Hauptchor folgt, tritt der nördliche, erst nach Vollendung des Hauptchores errichtete Martinschor aus der Flucht hervor und erstreckt sich über zweieinhalb Joche bis zum Anfang des polygonalen Hauptchorabschlusses. In Entsprechung der Langhausgliederung sind sie bewußt einfacher gestaltet. Die Sakristei ist ein über vier Feldern gewölbter Raum auf quadratischem Grundriß, der durch eine Mittelsäule geteilt wird. In Grundriß, Kapitellplastik und Fenstermaßwerk bezieht sie sich - bei geringeren Ausmaßen - auf die Kölner Domsakristei, der sie jedoch an Raumwirkung und Lebendigkeit der Kapitellplastik noch überlegen ist.



Baugeschichte

Die Baugeschichte des Münsters wird bestimmt durch eine Folge von Um- und Neuplanungen, die oft nur teilweise ausgeführt werden konnten. Die wichtigsten sollen in einem Überblick zusammengefaßt werden:

Periode I Klosterkirche (974 - 1000):
Den Grabungsfunden von 1955 (Prof. Dr. Hugo Borger) zufolge handelte es sich hierbei um einen langgestreckten, saalartigen Raum, dem sich im Osten vermutlich ein kleiner quadratischer Chorraum und im Westen eine schmale, dreigeteilte Vorhalle mit Vorhof anschlossen. Die Anlage wurde im 11. Jh. um einen Westturm erweitert, über dessen Gestalt uns jedoch keine Kenntnisse vorliegen.

Periode II (um 1100):
Die Stelle des Baubeginns und die Ausmaße lassen eine völlige Neuplanung vermuten, von der jedoch nur die Krypta und der Chor zur Ausführung gelangten. Kurze Zeit später wurde dagegen der Gründungsbau um zwei Seitenschiffe und zwei Kapellenanbauten erweitert.

Periode III (Ende 12. Jh.):
Von dieser Planung kündet heute noch das mächtige Westwerk des Münsters. Es sollte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem alten Chor durch ein dreischiffiges Langhaus verbunden werden, das dem Wandaufbau des Westturms zufolge mit einer Flachdecke hätte abgeschlossen werden müssen.

Periode IV (1228 - 39):
In dieser Zeit erhielt das Langhaus des Münsters seine heutige Gestalt. Beginnend bei den Seitenschiffen schritt der Bau von Westen nach Osten bis zur geplanten Vierung voran. Doch schon die Einwölbung des Mittelschiffes mußte auf spätere Zeiten verschoben werden (sie erfolgte im 15. Jh.) Ebensowenig konnte der nach Kölner Vorbildern geplante Dreikonchenchor realisiert werden. Auf ihn weisen heute noch die mächtigen Bündelpfeiler der an dieser Stelle vorgesehenen Vierung hin.

Periode V (1256- 77):
Wenige Jahre nach der vorläufigen Einstellung der Bauarbeiten wurde der Gedanke eines neuen Chores wieder aufgegriffen, nun jedoch einer anderen Bauidee folgend, als Langchor im gotischen Stil. Für seine Planung und Durchführung konnte der erste Baumeister des Kölner Domes, Meister Gerhard, gewonnen werden. Die Weihe erfolgte am 28. April 1275 durch Albertus Magnus. Ist damit die eigentliche Baugeschichte des Münsters abgeschlossen, so muß dennoch die weitere Entwicklung schlaglichtartig aufgezeigt werden, die oft genug eine Geschichte der unbedachten Veränderungen und Zerstörungen war: Ende des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts wurden zunächst das Innere der Kirche, dann auch der Turm barockisiert. Der Turm erhielt eine geschweifte Haube mit Laterne, die Pfefferbüchse, wie die Gladbacher sagten
Nach der Säkularisierung durch Napoleon im Jahre 1802 drohte dem Münster der Abriß. Durch Einschaltung des damals zuständigen Bischofs von Aachen Marc Antoine Berdolet, der in den Wirren der französischen Revolution gemeinsam mit Josephine Beauharnais, der ersten Frau Napoleon Bonapartes, im Kerker gesessen hatte, gelang die Rettung des Bauwerks durch Angliederung an die Hauptpfarre St. Mariä Himmelfahrt.

Nachdem das Münster über Jahrzehnte ohne Pflege und ordnungsgemäße Unterhaltung geblieben war, bewahrte es eine Initiative der Bürger vor dem Verfall. In der Zeit von 1857 bis 1873 brachte ein Verein zur Wiederherstellung des Münsters die erforderlichen Mittel zur grundlegenden Restaurierung auf. Der mit den Arbeiten beauftragte Kölner Dombaumeister Vincenz Statz griff dabei leider empfindlich in die mittelalterliche Substanz ein . Eine für das Erscheinungsbild der Kirche nachteilige Maßnahme war auch die 1892 vorgenommene Beseitigung der Barockhaube und die Erhöhung des Turmes um ein gemauertes Geschoß mit einem überhohen, achtseitigen Helm. Dieser wurde wegen seiner Kupferdeckung Ende des ersten Weltkriegs abgenommen. Das Kupfer wurde eingeschmolzen und der Waffenproduktion zugeführt.
Im zweiten Weltkrieg wurde das Münster durch zwei schwere Luftangriffe in den Jahren 1943 und 1944 bis auf die Außenmauern zerstört. Wieder war es eine Bürgerinitiative, die das Bauwerk vor dem völligen Verfall rettete. Der 1947 gegründete Münster-Bauverein schaffte es, mit Hilfe des Landes NW, des Bistums Aachen, der Stadt Mönchengladbach und großen Opfern der Bürgerinnen und Bürger, die sich über Konfessionen und Parteigrenzen hinweg für ihr Münster engagierten, das Wahrzeichen der Stadt bis Ende der fünfziger Jahre wiederaufzubauen.

Probleme der Gegenwart

Heute drohen dem wertvollen Denkmal benediktinischer Vergangenheit der Stadt neue Gefahren. Das hohe Alter des Bauwerks, seine exponierte Lage auf dem Abteiberg und die Verwendung des witterungsanfälligen Baumaterials Tuffstein haben im Laufe der Zeit zu schweren Bauschäden geführt, die zu einer grundlegenden Sanierung zwingen. Wesentlichen Anteil an den Bauschäden haben auch die Baumaßnahmen im 19. und 20. Jahrhundert, die die Besonderheiten des mittelalterlichen Baugefüges nicht erkannt und daher nicht angemessen berücksichtigt haben.
Nach zeitraubenden Untersuchungen über das Ausmaß der Schäden und die richtigen Methoden zu ihrer Behebung konnte endlich im Frühjahr 1997 mit den Arbeiten zur statischen Sicherung und Sanierung der Chorhalle begonnen werden. Die Federführung übernahm wieder der Münster-Bauverein. Mit einem festlichen Hochamt konnte schon Ende 1999 der Abschluss der Arbeiten an der Chorhalle gefeiert werden.
Im Frühjahr 2000 folgte als weiterer Bauabschnitt die statische Sicherung und Sanierung des Westwerks, die mit der Innensanierung der Abtskapelle Anfang 2003 abgeschlossen wurde. Großzügige Spenden des Rotary-Clubs Mönchengladbach-Niers machten es möglich, die Archtekturglieder entsprechend dem mittelalterlichen Befund farblich zu gestalten..

Zu den bis dahin insgesamt aufgewandten Kosten von rd. 5.058.000 Euro hat das Bistum Aachen aus Kirchensteuermitteln rd. 4.404.000 Euro zur Verfügung gestellt. Die der Kath. Hauptpfarre St. Mariä Himmelfahrt als Eigentümerin des Münsters auferlegte Eigenleistung in Höhe von rd. 623.000 Euro hat der Münster-Bauverein aufgebracht.

Das war nur möglich, weil viele Mitbürgerinnen und Mitbürger, viele Organisationen und Vereine sich für die Erhaltung des Wahrzeichens unserer Stadt engagiert haben. Eine von der Gladbacher Bank ins Leben gerufene Initiative „ S.O.S. Gladbacher Münster!“- ein Zusammenschluss Gladbacher Firmen und Persönlichkeiten -stand dem Münster-Bauverein in seinem Bemühen um die Beschaffung der erforderlichen Mittel mit Rat und Tat zur Seite. Es bestätigte sich erneut die Erfahrung, dass der Mönchengladbacher sein Münster in Zeiten der Not nicht im Stich lässt.

Die dramatische Zuspitzung der finanziellen Lage des Bistums Aachen führte zu einer fast zweijährigen Unterbrechung der Sanierungsarbeiten. Pläne, die Außen-und Innensanierung des gesamten Langhauses einschließlich der Nebenchöre in Angriff zu nehmen, erwiesen sich als nicht finanzierbar.

Dank des Engagements aller Beteiligten gelang es schließlich, wenigstens ,die Finanzierung einer Teilmaßnahme, nämlich der Sanierung der Südfassade mit einem Aufwand von rd. 730.000 Euro ,sicherzustellen : das Generalvikariat zeigte sich bereit, für die vorangehenden Abschnitte bereitgestellte, aber nicht benötigte Mittel in Höhe von rd. 313.000 Euro in die Maßnahme Südfassade einzubringen, das Land NRW sagte Zuschüsse aus Denkmalpflegemitteln in Höhe von 186.000 Euro zu und der Münster-Bauverein übernahm es, die verbleibende Finanzierungslücke von 230.000 Euro zu schließen. Im November 2004 wurde begonnen; im Frühjahr 2006 dürfte dieser Abschnitt realisiert sein.

Ob und wie es dann weitergeht... das Münster wurde im Sommer 2007 zur Heiligtumsfahrt fertiggestellt und erstrahlt jetzt in neuem Glanze!

Geschichte des Münsters Sankt Vitus
 
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